Montag, 16. Dezember 2013

Bushidos Burn Out

Die verfolgte Unschuld vom Lande.

Von Ralf Fischer


Es brennt in Kleinmachnow. Wen juckt das? Es betrifft eine im Umbau befindliche Villa. So what! Aber: Der Besitzer ist B-prominent. Weshalb die Meldung vom Brand in der lokalen Presse für einigen Wirbel sorgt. Und so darf der Berliner Rapper Bushido in aller Öffentlichkeit erklären: „Die Polizei hat mir definitiv gesagt, dass es sich um Brandstiftung handelt. Es hätte kein Kabelbrand sein können, da kein Strom im Haus ist, auch ein Blitzschlag kann ausgeschlossen werden.“ Ganz geknickt resümiert er: „Das ist für mich schon eine wirklich trauriges Finale in der Kleinmachnower Tragödie.

Als erste Schlussfolgerung drängt sich auf: Bushido und Brandenburg werden in Zukunft wohl keine guten Freunde mehr. Schade eigentlich, dabei hatten sich die märkischen Wutbürger so viel Mühe gegeben. Aber ihre Pflege regionalen Brauchtums missverstand er als Ablehnung: „Ich habe Pakete mit Kot aus der Nachbarschaft erhalten, die an mich adressiert waren. Das ist kein Einzelfall, neun von zehn Paketen hängen am Montagmorgen am Bauzaun. Da ist Scheiße drin.“ Eigentlich eine altbekannte Herausforderung in diesem Bundesland. Hier wurden Fremde stets freundlich aufgenommen. Solche jahrhundertealten Rituale ähneln den Aufnahmeprüfungen von Jugendcliquen oder Mafiakreisen. Damit müsste sich Bushido an und für sich bestens auskennen.

Geschenkt wird einem hierzulande nichts. Das war früher das Credo von Bushido. Er allein gegen den Rest der Mutterficker-Welt. Ein millionenfacher Verkaufsschlager. Das wollten die Kids hören. Und nun so etwas: „Dass sich eine Gemeinde gegen jemanden verbündet, kenne ich nur bei Sexualstraftätern. Das kann ich ja sogar noch fast nachvollziehen, aber irgendwo müssen die auch leben. Was habe ich denn irgendjemandem auf der Welt getan?" Gute Frage. Möglicherweise hat Klaus Wowereit die dazu passende Antwort parat. Alice Schwarzer jedenfalls könnte mit diesem Thema eine komplette Abendsendung füllen. Allein. Ohne Moderation.

Es ist ein Jammer. Keinen Respekt zollt Bushido seinen eigenen zivilisatorischen Höchstleistungen, dem Import von urbanen Kulturtechniken und der eintönigen Ficksprache bis in den letzten Winkel des Zonenrandgebietes. „Da sind dann Graffiti an den Wänden auf der Baustelle mit ’Fick dich Bushido’, die Holzfenster wurden kaputt getreten.“ Früher hätte der Rapper solch einen komplexen Diss kurz und bündig „Fick Dich selbst, Du Hund!“ entgegnet. Heute fällt ihm dazu nichts mehr ein. „Ich finde da keine Worte mehr für, ich habe normalerweise einen Mund, kann mich mit Worten zur Wehr setzen.“ Das ist der magische Satz auf den Gymnasiallehrer, Tugend- bzw. Jugendwächter sowie all seine billigen Kopien seit einer gefühlten Ewigkeit gewartet haben.

Nur bloß ja keine voreilige Freude, soviel ist sicher, Bushido hat auf seiner abenteuerlichen Suche schon wieder das eine oder andere Wort gefunden. Er ist auf dem Weg der Besserung. Ob er sich aber jemals von dem Schock komplett erholt bleibt weiterhin offen. „Ich hätte mir das in Kleinmachnow im Leben nicht vorstellen können. Hätten Sie mir vor zwei Jahren gesagt, dass es so kommt, ich hätte Sie als größten Spinner der Zeitgeschichte nach Hause geschickt.“ Krieg ist dort wo Frieden herrscht. Wer seine Ruhe im ländlichen Idyll sucht, der findet zielsicher Mord- und Totschlag. Das kennt man doch aus dem Fernsehen: Nachbarschaftskrieg ist die Fortsetzung des Krieges in individualisierter Form. Oder etwa nicht?

Brandenburg hat so seine Eigenarten. Schick ich dir meine Exkremente, schenkst Du mir deine Aufmerksamkeit. In lieblosen Zeiten wie diesen drücken emotional verstümmelte Menschen derart ihre Zuneigung aus. „Im Mittelalter hat man Hexen verbrannt. Das hier kommt mir vor wie eine Hexenjagd“, klagt Bushido völlig enttäuscht. Mittlerweile fühlt sich der Hexer nicht nur von der Polizei gegängelt. Die verfolgte Unschuld aus der Großstadt erklärt Brandenburg zur Mission Impossible? Alles ein großes Missverständnis! Die Schikanen waren ein Ausdruck zutiefst empfundener Zuneigung. Fick dich heißt neudeutsch ich begehre dich. Es ist die höfliche formulierte Frage: „Darf ich Dir beim Onanieren zu schauen?“ Ein übliches Balzgebahren der jugendlichen Ureinwohner. Ähnlich dem Battlerap. Ein Diss direkt ins Herz, von Teenager zu Teenager. Eine Liebeserklärung auf brandenburgisch.

Randnotiz zum Schluß: In Kleinmachnow verbringt der werte Innengeneral Jörg Schönbohm seinen Lebensabend und bis zu seiner endgültigen Pensionierung hinter schwedischen Gardinen wohnte der Chef-Antisemit Horst Mahler im Ort.

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Deinen Geburtstag bestimmen wir

Im Umgang mit Flüchtlingen zeigt sich das Bundesland Brandenburg einfallsreich. Das ist dem Wohl der Asylsuchenden jedoch nicht unbedingt zuträglich.

Ralf Fischer / Jungle World

Auch Behörden können manchmal durch kreative Lösungen auffallen. Mitte November erhoben 14 jugendliche Flüchtlinge in der Erstaufnahmestelle im brandenburgischen Eisenhüttenstadt den Vorwurf, die Mitarbeiter der Ausländerbehörde hätten pauschal und ohne Prüfung ihre Minderjährigkeit nicht anerkannt. Nach ihrer Ankunft in der Einrichtung hätten einige ihre somalischen Geburtsurkunden gezeigt. Doch diese seien nicht akzeptiert worden. Stattdessen hätten die Jugendlichen neue Papiere erhalten, die sie allesamt als volljährig auswiesen und eine große Überraschung bereithielten. Allen Flüchtlingen sei dasselbe Geburtsdatum gegeben worden: 31. Dezember 1994.

Tatsächlich sei es nicht entscheidend, ob die Jugendlichen volljährig seien oder nicht, sagte Niels Espenhorst vom »Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge« der Taz. Wenn jemand angibt, minderjährig zu sein, müsse er erst einmal vom Jugendamt in Obhut genommen werden. »Eine seriöse Überprüfung des Alters und des Hilfebedarfs des Jugendlichen dauert mehrere Monate«, so Espenhorst. In den vergangenen Monaten hatte er die zuständigen Jugendämter, die Ausländerbehörde und das Asylbewerberheim in Eisenhüttenstadt besucht. In keinem anderen Bundesland herrsche so viel Gleichgültigkeit gegenüber den Flüchtlingen, sagte er der Taz.

Der Umgang mit Flüchtlingen, die zwischen 16 und 17 Jahre alt sind, ist in Brandenburg
tatsächlich hart. Grundsätzlich werden sie in Gemeinschaftsunterkünften für Erwachsene untergebracht und kommen nicht in den Genuss von Jugendhilfe. In den Unterkünften fehlen Freizeitangebote und gleichaltrige Mitbewohner. Die derzeitige Überbelegung in Eisenhüttenstadt (Jungle World 43/13) soll durch die Belegung ehemaliger Kasernen beendet werden. Ab Mitte Dezember sollen 80 Flüchtlinge aus Syrien in einem leerstehenden Gebäude der ehemaligen Oderland-Kaserne in Frankfurt/Oder einquartiert werden. Am Stadtrand gelegen, soll das Objekt als »strategische Reserve« für die Erstaufnahmestelle dienen. Die Nutzung der neuen Außenstelle ist vorerst bis zum 31. März 2014 befristet. Ein Sozialarbeiter und drei Wachschützer sollen dort eingesetzt werden. In der Zwischenzeit sollen in Eisenhüttenstadt Wohncontainer für Flüchtlinge aufgestellt werden, eine längst überfällige Maßnahme.

Eine andere Art, der Überbelegung Herr zu werden, kritisiert der Brandenburger Flüchtlingsrat. Er wirft dem Land Brandenburg vor, Menschen trotz Krankheit und Schutzbedürftigkeit »ohne Rücksicht auf Verluste« abzuschieben. Anwälte und behandelnde Ärzte würden nicht rechtzeitig informiert. Ohne Ankündigung seien schwer traumatisierte Asylbewerber und Kinder abgeschoben worden. Mehrere Fälle sind dem Flüchtlingsrat bekannt. Es handele sich um Asylbewerber, die unter anderem in Oranienburg, Luckenwalde, Forst und Wandlitz untergebracht waren. Diese Strategie der harten Hand spiele den Rechtsextremen in die Hände, so der Vorwurf des Flüchtlingsrats. Außerdem stehe das derzeitige Vorgehen im Widerspruch zu dem Beschluss des Brandenburger Landtags von Mitte November, das »friedliche Zusammenleben zu fördern« und die »Willkommenskultur in Brandenburg zu stärken«.

Mitten in die besinnliche Vorweihnachtszeit platzte eine weitere unfrohe Botschaft
aus dem märkischen Land: Die Praxis im Landkreis Oberhavel, Flüchtlingen staatliche Leistungen teilweise in Gutscheinen auszuzahlen, wurde vom Sozialgericht Neuruppin bestätigt. Drei Asylbewerber aus Kenia und Togo sowie eine afghanische Familie aus Hennigsdorf sind mit ihrem Widerspruch gescheitert. Die Sozialrichterin Catleen Förster erklärte die Praxis des Landkreises, Gutscheine statt Bargeld auszugeben, für rechtens. Bargeld müsse nur ausgehändigt werden, wenn die Vergabe einer anderen Leistung nicht möglich sei, zitierte die Märkische Allgemeine aus der Entscheidung. Der Brandenburger Flüchtlingsrat kritisiert die inhaltliche Begründung als mangelhaft. Er hatte bereits zur Unterstützung aufgefordert, als im Juni 2011 die Flüchtlinge in Stolpe-Süd den Boykott gegen die monatlich ausgegebenen Gutscheine ausgerufen hatten. Die damaligen Proteste und zahlreichen Demonstrationen vor dem Landratsamt in Oranienburg änderten jedoch nur wenig an der Praxis. Obwohl der Kreistag sich zweimal für die Ausgabe von Bargeld aussprach, wurde der Bargeldanteil nur geringfügig erhöht. Dem Flüchtlingsrat zufolge ignoriert Landrat Karl-Heinz Schröter (SPD) stur diese politischen Entscheidungen. So bleibt der Landkreis Oberhavel einer von zwei Landkreisen und kreisfreien Städten in Brandenburg, in denen weiterhin am Gutscheinsystem festgehalten wird.

Für das kommende Jahr will die rot-rote Regierungskoalition 12,7 Millionen Euro für die Unterbringung von Flüchtlingen bereitstellen. Allein 7,7 Millionen Euro sind für die zentrale Erstaufnahmestelle des Landes in Eisenhüttenstadt vorgesehen, unter anderem für zusätzliche Wohncontainer und mehr Betreuung. Mit fünf Millionen Euro will die Landesregierung zudem die Kommunen dabei unterstützen, die Flüchtlinge unterzubringen. »Wir wollen damit ein deutliches Signal setzen, dass wir die Kreise und kreisfreien Städte nicht damit allein lassen, die Asylbewerber unterzubringen, sondern wir stellen ihnen zusätzliches Geld über die gesetzlichen Verpflichtungen zur Verfügung«, begründete der SPD-Fraktionsvorsitzende Klaus Ness die Aufstockung der Mittel. Ob von den 12,7 Millionen Euro auch Bargeld für die Flüchtlinge abfällt, sagte er nicht.