Donnerstag, 8. November 2007

„Hevenu TeBe alejchem!“

Trotz beeindruckender Geschichte spielt der Berliner Fußballklub Tennis Borussia nur in der vierten Liga

Von Ralf Fischer / Jüdische Allgemeine


Ein verregneter Samstagnachmittag im Mommsenstadion, Berlin-Charlottenburg. Bei Bier und Bockwurst finden sich rund 200 gut gelaunte, mit lila-weißen Fanutensilien bewaffnete Anhänger von Tennis Borussia ein. Es geht gegen den Tabellennachbarn aus Greifswald. Nur die zwei rechtslastigen Fans vom Rivalen BFC Dynamo, die sich ins Stadion verlaufen haben, stören die friedliche Atmosphäre. Schon seit sieben Jahren spielt Tennis Borussia Berlin, liebevoll TeBe genannt, nun in der vierten Liga. Und wie jede Saison hat sich der zwölfmalige Berliner Meister das Ziel gesetzt, in diesem Jahr die Durststrecke endlich zu beenden. Doch obwohl die Mannschaft personell zu den Aufstiegskandidaten zählt, stehen sie nur auf dem fünften Rang in der vierten Liga.

Nach dem Abpfiff versuchen die rechten Störenfriede vom Ostberliner Lokalrivalen eine Schlägerei mit den als links verschrienen Fans von Tennis Borussia anzuzetteln. Doch die nach dem 2:0-Sieg äußerst zufriedenen Borussenfans gehen der Provokation aus dem Weg. Sie sind es gewohnt, dass rechtsextreme Fans anderer Vereine sie zum Hauptgegner auserkoren haben.

Der Charlottenburger Verein ist unter Fußballfans vereinsübergreifend verhasst. Allgemein gilt er als Westberliner Bonzentruppe, dessen jüdische Wurzeln angeblich die Grundlage für dessen Millionen seien. Doch das Repertoire der Hassgesänge spornt Fans wie Verantwortliche des Vereins an, ihre vielfältigen gesellschaftlichen Aktivitäten noch weiter auszubauen. Tamás Blénessy, Mitglied der aktiven TeBe-Fanszene, ist der Meinung, dass man gerade durch ständige Präsenz in den Stadien den rechten Parteigängern im Sport erfolgreich Paroli bieten kann.

Die zwölf jungen Sportler, die am 9. April 1902 beschlossen hatten, die „Kameradschaftliche Vereinigung Borussia“ und die „Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft“ zur „Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft Borussia“ zusammenzuführen, hatten damals ebenfalls mit recht verbohrten Vorurteilen zu kämpfen. Obwohl als Tennis- und Tischtennis-Verein gegründet, formierte sich schon ein Jahr später eine Fußballabteilung und erwarb für 50 Pfennig die Lizenz für die Teilnahme an der Berliner Meisterschaft. Fußball galt vor 100 Jahren in Deutschland als zutiefst „undeutsche“ Beschäftigung, da es für Männer als unschicklich galt, sich öffentlich in kurzen Hosen zu zeigen. Die Presse monierte zu dieser Zeit auch die Tatsache, dass Fußball meist von sozial besser gestellten Bevölkerungschichten ausgeübt wurde.

Die Tennis-Borussen entwickelten sich in der neuen Sportart derart prächtig, dass sie in den 20er-Jahren neben Hertha BSC die führende Fußballmannschaft Berlins wurden und als erstes deutsches Team sechs Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gegen eine französische Fußballauswahl antraten. Ein Freundschaftsspiel in Paris war damals alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Gegen die Tennis-Borussen wurden damals „blutrünstige Töne“ angeschlagen, wie die Klubnachrichten des Vereins zu berichten wussten, da sie womöglich die „deutsche Art“ nicht würdig vertreten würden. Am Ende kam alles anders. Die Borussen gewannen Hin- und Rückspiel, und aufgrund der friedlichen Atmosphäre während der Spiele wurden vom französischen Ministerium für Wohlfahrt sogar die Sportplätze im besetzten Ruhrgebiet wiedereröffnet. Dies und ihr begeisterndes Spiel brachte den Veilchen, wie sie wegen ihrer Vereinsfarben genannt wurden, viel Sympathie weit über das Ruhrgebiet hinaus ein.

Viermal erreichte TeBe Ende der 20er-, Anfang der 30er-Jahre das Viertelfinale der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Für den Titel reichte es nie. Dafür wurden die damals in Niederschönhausen trainierenden Veilchen 1931 Berliner Pokalsieger und 1932 zum ersten Mal Berliner Meister. Schon ein Jahr später fand die Erfolgsgeschichte ein jähes Ende. Um einem Zwangsaustritt zuvorzukommen, verließen die jüdischen Mitglieder, die ein Drittel des Ver- eins ausmachten, die Lila-Weißen.

Die „freiwillige“ Gleichschaltung bedeutete einen schweren Verlust für den Klub. So musste die langjährige Vereinszeitung vorläufig eingestellt werden, und jeder Junge, der TeBe-Mitglied war, wurde gezwungen, der Hitlerjugend beizutreten. Die ehemaligen jüdischen Mitspieler schlossen sich derweil den rein jüdischen Sportvereinen an, wie zum Beispiel Hakoah, der Berliner Sportgemeinschaft von 1933. Einige wenige schafften es, in die USA oder nach Palästina zu flüchten, wie die Borussenlegende Simon Leiserowitsch, der später als Trainer von Makkabi Tel Aviv aktiv war. Das Schicksal der meisten jüdischen Borussen ist unbekannt, da die Mitgliederlisten des Vereins von vor 1933 komplett verloren gegangen sind.

In der Nachkriegszeit firmierte der Verein ab 1945 zunächst als Sportgruppe Charlottenburg. Es gelang bis Anfang der 50er-Jahre, wieder einer der erfolgreichsten Berliner Vereine zu werden, ab 1949 unter dem bekannten Namen Tennis Borussia Berlin. 1950 gründete der Quizmoderator Hans Rosenthal die Prominenten-Elf von Tennis Borussia. Schon Mitte der 50er-Jahre jedoch begann der langsame Abstieg. Als 1963 die erste Bundesligasaison startete, war Hertha BSC statt Tennis Borussia dabei. Mit Ausnahme zweier Ausflüge in den 70er-Jahren blieb die erste Bundesliga für die Kicker aus Charlottenburg eine No-Go-Area. In der zweiten Bundesliga spielten sie insgesamt neun Saisons.

Dorthin wollen Fans wie Funktionäre so schnell wie möglich wieder zurück. Doch vorerst bleibt dies wohl Illusion. Wenigstens viertklassig bleiben, vielleicht in zwei oder drei Jahren in der neuen drittklassigen Profiliga vorbeischnuppern, mehr ist derzeit für die erste Herrenmannschaft nicht drin. Wer die Veilchen in der zweiten Liga sehen will, der muss schon zu den Frauen gehen. Die Veilchenladies haben die erste Liga fest im Visier und gehören in der Jugendarbeit bundesweit zu den Besten. Auch die Jungs von Tennis Borussia sind Spitze. Mit der A- und B-Jugend sind sie in der Bundesliga Nord/Nordost vertreten. Nur die Herren lassen noch zu wünschen übrig. Für die Schlachtenbummler im E-Block kein Grund zum Verzweifeln, sie feuern noch beim schlechtesten Spiel ihre Mannschaft an und singen lauthals: „Hevenu TeBe alejchem, Hevenu TeBe alejchem“.

Donnerstag, 1. November 2007

»Wenn ich will, seid ihr alle tot«

Deutsche Rapper solidarisieren sich mit islamistischen Terrorrackets und verbreiten homophobe, frauenfeindliche und antisemitische Gewaltphantasien.

Von Juri Eber & Ralf Fischer / konkret

Es herrscht Ausnahmezustand vor dem Brandenburger Tor. Im Best-View-Bereich schreien sich Tausende Mädchen und Jungen die Seele aus dem Leib. Wenn sie nicht gerade lautstark nach ihrem Idol, dem Berliner Pöbelrapper Bushido, verlangen, beschimpfen sie die anderen Popacts wahlweise als »schwul« oder »krasse Scheiße«. »Bravo«, die »Bildzeitung« der Jugend, und der Klingeltonvermarktungssender Viva hatten zum Event »Schau nicht weg – Rocken gegen Gewalt in der Schule« eingeladen. Gekommen sind mehrere zehntausend zumeist minderjährige Teenager – allerdings eher nicht, um Bands wie LaFee zu lauschen oder mit dem Gewaltproblem konfrontiert zu werden. Das kennen sie aus ihrem Schulalltag zur Genüge.

Der Auftritt von Bushido war wegen seiner Haßtiraden gegen Schwule und Frauen umstritten. Doch die Veranstalter ließen sich davon nicht beeindrucken. Hätte der Unterschichtrapper nicht seine Mord- und Totschlagmusik zum besten gegeben, wären nicht annähernd so viele Zuschauer bereit gewesen, Eintritt zu zahlen. Einige hundert Meter entfernt, an der Ecke Straße des 17. Juni/Yitzhak-Rabin-Straße, stehen rund 50 Gegendemonstranten auf verlorenem Posten. Es ist den wenigen Funktionären der organisierten Berliner Schwulenszene zu verdanken, daß es überhaupt zu einer solchen Aktion gekommen ist.

Mann gegen Moderne

Hinter dem Haß auf Schwule und alle Frauen außer Mutti verbirgt sich nicht nur beim veritablen Elternschreck Bushido der Wunsch, die traditionelle Rollenverteilung zwischen Mann und Frau wiedereinzuführen. Die rappenden Jungmänner bemängeln in ihren musikalischen Inszenierungen den Machtverlust, der mit dem eigenen Wunschbild von Machotum nicht zu vereinbaren ist. In ihren Texten wettern sie gegen alles, was die von ihnen definierte Männlichkeit vermeintlich zerstört: Schwule, Metrosexuelle, emanzipierte Frauen und die Zurichtung der Gesellschaft, in der nicht mehr alle Führungspositionen automatisch Männern zufallen. So identifizieren sie nicht nur die kapitalistische Moderne als ihren Feind, sie entdecken auch in dem internationalen islamistischen Bandenwesen einen Verbündeten. Trotzdem will die rappende »Generation Djihad« natürlich kommerziellen Erfolg, statt sich selbst in die Luft zu sprengen. Zu unzähligen willigen Groupies sind die 72 Jungfrauen, die den Märtyrer irgendwann einmal im Paradies erwarten sollen, keine wirklich attraktive Alternative.

»Gott schuf Adam und Eva / nicht Adam und Peter / ich glaub’ fest daran«, rappen die Berliner G-Hot und Kralle in ihrem Track »Keine Toleranz«. »Ihr laßt euch von Schwulen regieren / was soll noch kommen / was soll in Zukunft passieren?« Selbst penetriert zu werden ist für die beiden Interpreten – wie für den Großteil der deutschen Rapper – das Sinnbild des absoluten Machtverlustes: »Eine Schande für den Mann, in den Po gefickt«, und so versichern G-Hot und Kralle dem geneigten Publikum am Ende des Lieds, daß ihr Arsch »für immer eine Einbahnstraße« bleibt.

In der hitzigen Feuilletondebatte um den Song hat die Tatsache, daß 99 Prozent der deutschen Rapper männlich sind, kaum eine Rolle gespielt. Auch nicht, daß »Keine Toleranz« nur eine kleine Kostprobe ist aus dem reichen Repertoire der neuen deutschen Sangeslust, wie sie nicht nur im Internet verbreitet wird. Wenn es im deutschen Rap um Schwule geht, dann wird allgemein das Bild eines verweichlichten, verweiblichten, abhängigen Mannes gezeichnet. Der Berliner Sido, bei dem das eigene Label die alte Straßengang abgelöst hat, formuliert seine Kampfansage deshalb anal: »Aggro Berlin steht für: Ich ficke deinen Arsch extrem.« Und der Werbeslogan eines der kleineren Raplabels aus der Hauptstadt lautet: »Berlin bleibt hart«. Wie man das erreicht, beschreibt Bushido in seinem Song »Berlin«: »Berlin wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel.« 2005 beugte sich Bushidos Label Universal dem öffentlichen Druck: Aus der Songzeile »Ihr Tunten werdet vergast« wurde »Ihr Tunten werdet verarscht«.

Den bekannteren Rolemodels des Deutschraps wie Bushido ist zumindest nach außen hin der Versuch gelungen, die eigene männliche Herrlichkeit durch eine omnipotente Inszenierung als rappende Über-Pimps wiederherzustellen. Die überproportionale mediale Aufmerksamkeit, die ihnen zukommt, und der finanzielle Segen sind Äquivalent für die vermeintliche Schmach als Mann in der Moderne. Die Wut des Underdogs mutiert zu einem nicht unwesentlichen Element der Marketingstrategie. Doch vor allem jene, die es nicht in den lukrativen Musikmainstream geschafft haben, sprechsingen immer häufiger Klartext. Ins Visier des antimodernistischen Amoklaufs gerät – neben den Schwulen – vor allem die omnipotente kapitalistische Übermacht Amerika.

Generation Djihad

»Hölle auf Erden!! In Afrika verhungern Kinder. Hölle auf Erden!! George Bush spielt Hitler!! Hölle auf Erden!! Ein Krieg gegen den Islam. Hölle auf Erden!! Irak brennt wie Vietnam!!« Was die Frankfurter Gruppierung Warheit in dem Refrain ihrer Singleauskopplung rappt, könnte ebensogut als Parolensalat auf einem aktuellen Flugblatt der Friedensbewegung stehen. Die Gleichsetzung von George W. Bush mit Hitler wird von diesen Kreisen zu gern benutzt, denn im projektiven antifaschistischen Widerstand gegen die USA läßt sich fast jede terroristische Schweinerei legitimieren. In den neunziger Jahren identifizierte man sich in der deutschen Rapszene fast ausschließlich mit sogenannten linken – vulgo antiamerikanischen – Befreiungsbewegungen, unter die auch der gesamte »palästinensische Widerstand« subsumiert wurde. Doch mit ein wenig Verzögerung ist im Nachgang des 11. September 2001 in Deutschland eine Trendwende zu beobachten. Auch wenn das Markenzeichen dasselbe geblieben ist, mit der neuen Palästinensertuchwelle ist kein Revival der linken Befreiungstheorie im Rap verbunden, sondern eine Solidarisierung mit islamischen Terrorrackets oder mit der deutschen Nation. Im schlimmsten Fall mit beidem.

Die neue deutschnationale Welle schwimmt auf – zum Teil heute noch als links beziehungsweise fortschrittlich mißverstandenen – Vorurteilen, deren Haltbarkeitsdatum schon lange als abgelaufen galt. Wenn Prinz Pi propagiert, Amerika führe Krieg für Öl, oder Bushido in »Stupid White Man« versucht, an Michael Moore anzuknüpfen, so ist ihre Konsequenz jedoch eine andere: Prinz Porno, wie er früher hieß, fühlt sich als Teil einer »Generation Djihad«, und Bushido schreit aus dem Tonstudio heraus der ganzen Welt ins Gesicht, er sei ein Taliban, und wenn er wolle, seien wir »alle tot«. Um Mißverständnisse zu vermeiden, rülpst Bushido auch noch Brocken wie »Siehe Bin Laden ich hätt es ähnlich getan« oder »Ich mach ein Anschlag auf dich wie in Tel Aviv« ins Mikrophon. Bei ihm und anderen Rappern, die bei Majorlabeln unter Vertrag stehen, ist davon auszugehen, daß solche Passagen vor der Veröffentlichung auf Markttauglichkeit getestet wurden. Vor dem 11. September wäre er mit dieser Message wohl kaum zu einem populären und gefeierten MTV-Popstar geworden.

Von kommerziell weniger erfolgreichen Rappern werden Größen wie Bushido, der im Dezember wieder auf Deutschlandtournee geht, oder der Aufsteiger Massiv vehement angegriffen. Wie in den alten Auseinandersetzungen dreht sich dabei alles um die Frage der Authentizität. Das multiethnische Berliner Rapquartett Zyklon Beatz holt dabei den populärsten Vorwurf aus der Schublade hervor: »Ich seh MCs, die gern über den großen Teich wollen / Ich seh MCs, die mit peinlichen Amibeats prollen / Ich kenn MCs, die behaupten, sie wären Pimps / doch die Frage die ich mich frage, ob das wirklich stimmt.« Zyklon Beatz inszenieren sich als die wahren Rapper, die eben nicht auf Amibeats prollen, und propagieren im gleichen Lied den Dreiklang »deutsche Frauen, deutscher Rap, deutsches Bier«.

In diesem antimodernistischen Weltbild hat Deutschland den Opferstatus, den es braucht, um aus Notwehr endlich losschlagen zu können: »Mann, Deutschland erwache / uns geht’s doch jetzt schon so kacke / siehst du nicht, was der Ami vorhatte / als er dich aufbaute für seine eigene Sache?« Kurz und bündig formuliert der Berliner Akte One im gleichen Lied deshalb die neue deutsche Marschrichtung in dem aus Amerika adaptierten Musikgenre: »Das ist Deutschrap / Deutsche Produktion, deutscher Text / Deutsche Probleme in Szene gesetzt.«

Mit diesem musikalischen Stahlgewitter im Gepäck sind Rapper zu Spitzenvertretern antikapitalistischer Ressentiments deutschnationaler Provenienz geworden. Ist Deutschrap der ideologische (Kassen-)Schlager der Zukunft? Wenn der in der linken Szene beliebte Hamburger Rapper Holger Burner »Uzis verteilen (will) von Hamburg bis München / Mit dem Aufruf die Chefs aller Banken zu lynchen« und den Zionismus als den schlimmsten Nationalismus bezeichnet, dann steht ihm sein Stuttgarter Kollege Bözemann in nichts nach. Der behauptet etwa, der Berliner Konkurrent Massiv sei »mit Sicherheit Jude« und ziehe den »Koran durch den Dreck«. Seine Kommentare im Myspace-Gästebuch beendet er mit einem zackigen »Sieg Heil«.