Dienstag, 18. April 2006

Mordversuch aus Fremdenhass

Deutsch-Äthiopier von Rassisten halb tot geschlagen

Ralf Fischer / Mut gegen rechte Gewalt

Am vergangenen Sonntagmorgen wurde in Potsdam der 37-jähriger Wasserbauingenieur Ernyas M. von zwei unbekannten Tätern angegriffen und lebensgefährlich verletzt. Die Polizei geht von einem fremdenfeindlichen Motiv aus, denn das eingeschaltete Handy des Opfers übertrug die Tat. Die Stimmen der Täter hat die Polizei ins Internet gestellt.

Beim Abspielen des Telefonats auf der Pressekonferenz lief es so manch einem Pressevertreter kalt den Rücken herunter. Neben den vielen nicht deutbaren Geräuschen und Wortfetzen ist ein Wort immer wieder deutlich zu hören: 'Nigger'. Offenbar hat das Opfer versucht seine Frau anzurufen, aber die war nicht ans Telefon gegangen, so dass der Anrufbeantworter ansprang und das aufzeichnete, was die Polizei als Beginn der Auseinandersetzung ansieht. Nach insgesamt fast zwei Minuten bricht das Telefonat ab. 'Oh je!' ist das Letzte, was deutlich zu hören ist. Das Gespräch kann mittlerweile auch über die Telefon-Nummer 0331 - 283 53 777 abgehört werden.

Seit jenen Morgenstunden kämpfen die Ärzte um das Leben des 37-Jährigen Deutschen mit afrikanischer Herkunft. Mit einem schweren Schädel- und Gehirntrauma, Knochenverletzungen, einem verletzten Auge und Erbrochenem in der Lunge wurde er ins Krankenhaus eingeliefert. Nur ein Schlag oder Tritt mehr und der Mann wäre vermutlich tot gewesen, so Benedikt Welfens, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Was die Verletzungen verursachte ist bis jetzt noch nicht klar. "Stumpfe Gewalt gegen den Kopf", heißt es seitens der Polizei. Verursacht durch eine unbekannte Waffe oder durch Tritte mit Stiefeln gegen den Kopf, als das Opfer schon am Boden lag, genau könne man das noch nicht sagen.

Womöglich hat ein Taxifahrer Ernyas M. das Leben gerettet. Auf der Fahrt zu einer nahen Diskothek, sah er bereits, dass sich Täter und Opfer an der Haltestelle im Gespräch befanden. Auf der Rücktour habe er dann den Mann an der Ecke Zeppelinstraße/Nansenstraße auf dem Boden liegen sehen. Daraufhin stieg der Taxifahrer aus und die Täter flüchteten in Richtung Innenstadt. Zwar versuchte der Taxifahrer den beiden Tätern noch zu Fuß zu verfolgen, aber nach ergebnisloser Verfolgung ist er an der Ecke Zeppelinstraße/Stiftstraße umgekehrt, um dem Opfer zu helfen.

Zivilgesellschaftliche Solidaritätskundgebung mit dem Opfer

Eine Reaktion der Potsdamer Zivilgesellschaft auf diesen brutalen Angriff lies nicht lange auf sich warten. Schon einen Tag nach dem Übergriff demonstrierten über 500 Menschen in der Potsdamer Innenstadt zwei Stunden lang ihre Solidarität mit dem Opfer und gegen rechte Gewalt. Vom Platz der Einheit ausgehend ging es bis zum S-Bahnhof Charlottenhof und wieder zurück. Zumeist junge Antifaschisten aus Berlin und Potsdam waren an der Demonstration durch die brandenburgische Landeshauptstadt beteiligt.

Angemeldet hat die Demonstration Lutz Boede von der Kampagne gegen Wehrpflicht aus Potsdam. Die Stimmung ist kämpferisch solidarisch. Als sich der Demonstrationszug losbewegt ertönen Sprechchöre, die dazu auffordern den Neonazis die Straße zurück zugeben, und zwar Stein für Stein. Doch trotz dieser verbalen Militanz ist es eher ein breites Bündnis, welches auf der Straße gegen jeden Rassismus und rechte Gewalt demonstriert. Mitglieder der Grünen bekunden Seit an Seit mit jugendlichen Autonomen und Anhänger der PDS sowie der DKP ihre Abscheu.

Übergriffe im Wochentakt

Vielen steht die Wut ins Gesicht geschrieben, sie haben erst vor kurzem erfahren, was am 16. April Frühmorgens in Potsdam geschah. Unter ihnen ist auch Tamás Blenessy. Vor einem Jahr wurde der Student auch Opfer eines Überfalles von Neonazis. Er war erschüttert als er die Nachricht vom Geschehen an der Straßenbahnhaltestelle bekam, aber überrascht hat es ihn nicht. Rechte Übergriffe, nicht immer in dieser Dimension, finden, nach seiner Aussage, derzeit im Wochentakt in Potsdam statt.

Die Brutalität mit der die Täter gegen ihn vorgingen, erinnert Blenessy an das Vorgehen der Neonazis damals gegen ihn. Doch er hatte mehr Glück als der aus Äthopien stammende Ernyas M., dass steht für ihn fest. 

Für die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane, beweist der Übergriff wieder einmal mehr, wie wichtig eine kontinuierliche gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit Rassismus wäre und dass besonders Opferberatungen in Ostdeutschland als wichtiger Bestandteil der Zivilgesellschaft finanziell gefördert werden müssen. Sie ruft dazu auf Geld zur Betreuung und Behandlung von Ernyas M. und seiner Familie, aber auch zugunsten vieler anderer, oft unbekannter Opfer rassistischer Gewalt zu spenden. Das sei die Gesellschaft den Opfer rechter Gewalt schuldig.

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