Donnerstag, 6. April 2006

'HOO-NA-RA': Zu Gast bei Feinden

Dass nicht alle Bewohner dieses Landes gewillt sind, der Welt ein guter Freund zu sein, zeigen vermehrt die antisemitischen und rassistischen Vorkommnisse in und außerhalb der Stadien.

Ralf Fischer / Mut gegen rechte Gewalt

Der nigerianische Fußballspieler Adebowale Ogungbure ist eigentlich schon so einiges gewohnt. Wenn er, der Abwehrchef des FC Sachsen Leipzig, seinen Arbeitsplatz betritt verfolgen ihn die von den gegnerischen Fans angestimmten Urwald- und Affengeräusche auf Schritt und Tritt. Manchmal werden dem 24-Jährigen auch Bananen hinterher geworfen, aber so schlimm wie letzte Woche bei dem Viertligaspiel gegen den Halleschen FC war es für ihn nach eigener Aussage "noch nie".

Mit dem Schlusspfiff der Partie – kurz vor Abpfiff gelang den Spielern des HFC noch der Ausgleich zum 2:2 - stürmten rund 200 Leipziger Ultras den Platz. Die zahlreich versammelte Polizei reagiert zwar umgehend und drängte die Leipziger recht schnell in ihren Block zurück. Doch das Chaos in der Zwischenzeit nutzten die Hooligans vom HFC um ebenfalls über die Absperrungen zu klettern und in Richtung Innenraum - und auf den Sachsen-Spieler Adebowale Ogungbure zu zustürmen.

Zuerst prasselt eine Schimpfwortkanonaden auf den Abwehrspieler ein, es fallen Worte wie "Drecks-Nigger, Affe, Bimbo, Scheiß-Neger", doch damit begnügten sich die HFC-Fans nicht. Ogungbure wird bespuckt und körperlich attackiert. Als ihm zu guter Letzt, von der Haupttribüne zum wiederholten Male Affenlaute entgegen dröhnen, reagiert der Nigerianer mit einem Zeichen, welches eigentlich nur den selbsternannten Kämpfer für die Reinheit der arischen Rasse vorbehalten ist.

Ogungbure formt zwei Finger zum Diktator-Bärtchen und reckt den rechten Arm zum Hitler-Gruß. Daraufhin ticken die Hools richtig aus. Eine Faust trifft Ogungbure am Hinterkopf. Dann wird er in ein Absperrgitter geschubst.

Das hat mit Fuß…

Ausreden für die rassistischen Übergriffe oder antisemitischen Hetzgesänge in den Stadien gibt es genügend. Vor allem von den jeweiligen Fangruppierungen und den Verantwortlichen im betroffenen Verein. Doch egal wie man es dreht oder wendet, man muss schon von Normalität sprechen, wenn es um solche Phänomene geht. Und zwar von einer gesellschaftlichen Normalität nicht nur in Deutschland.

Sport ist, auch wenn es gerne von einigen Ministerien so dargestellt wird, kein Zeitvertreib der automatisch die Fähigkeit zur Toleranz erhöht. Im Gegenteil, die Toleranz für die aktuell verfeindete Mannschaft geht zumeist dem Nullpunkt entgegen. Der Kampf um den Sieg, der bedingungslose Wettbewerb zwischen zwei Mannschaften ist Haupttriebfeder im Fußball. Nicht die Akzeptanz des Gegners, und erstrecht nicht antirassistische Motive.

Das hat mit Ball…

Ein aktuelles Beispiel für den Versuch ganzen Sportevents zu funktionalisieren legt derzeit die rechtsextreme NPD vor. Während die Partei einerseits Öffentlichkeitswirksam in der Presse lancieren lässt, dass sie aus Solidarität mit dem Iran, und vor allem mit dem für seine antisemitischen Ausfälle bekannten Präsidenten des Landes, während der WM in verschiedenen Städten Demonstrationen durchführen möchte, wirbt sie andererseits mit einem WM-Planer auf dem zu lesen ist: "WEIß - Nicht nur eine Trikot-Farbe - Für eine echte NATIONAL-Mannschaft".

Auf der Vorderseite des Planers ist das Trikot des Bremer Nationalspieler Patrick Owomoyela zu sehen. Owomoyela ist Sohn eines Nigerianers, und damit für die Neonazis kein Deutscher. Erstrecht kein deutscher Nationalspieler. Mit dieser Fußball-Provokation wandelt die NPD auf dem Pfad, die der neonazistische 'Schutzbund Deutschland' aus Ostdeutschland vor einigen Wochen angelegt hat. Zu dessen Führungsfiguren unter anderem der ehemalige NPD-Vorsitzende in Berlin-Brandenburg, Mario Schulz gehört. Die braune Propagandatruppe hatte unter anderem ein Plakat mit einer Abbildung des deutschen Fußballnationalspielers Gerald Asamoah in Umlauf gebracht, Überschrift: "Nein Gerald, Du bist nicht Deutschland - Du bist BRD!".

Das hat mit Fußball nichts zu tun!

Anklang findet diese Art der braunen Propaganda hauptsächlich im Hooligan-Milieu. Gerade in dieser Szene tummeln sich in letzter Zeit nach Angaben der Polizeibehörden immer mehr gewaltbereite Neonazis. In Sachsen, speziell in Chemnitz, hat diese Vermischung der Hooligan und Neonaziszene schon eine neue Parole zur Welt gebracht: 'HOO-NA-RA'.

'HOO-NA-RA' steht für 'Hooligans – Nazis – Rassisten' und ist nicht nur ihre Losung, sondern auch die ebenso treffende wie aufrichtige Selbstbezeichnung des lokalen Milieus aus Neonazis, Hools und Kleinkriminellen. Ob im Stadion von Chemnitz, auf der Straße oder während eines so genannten Fight Clubs, die Parole der sächsischen Hardcore-Rassisten ertönt überall wo diese sich gerade bewegen. Es ist ihnen eigentlich egal wo sie gerade ihren Hass verbreiten, die Hauptsache ist, dass ihnen jemand zuhört. Umso mehr, umso besser.

Und was für ein Zufall: Derzeit liegt die Hauptaufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf der kommenden Fußball-WM in Deutschland und damit auch auf die zu befürchtenden Krawalle von Fußballfans. Das wissen natürlich auch die Neonazis unter den Fußballfans wie auch die NPD.

Gesellschaftliches Gegensteuern

Die Taktik ist damit eigentlich offensichtlich. Während die rechtsextreme Partei auf der Suche nach einem Aufhänger um in die Öffentlichkeit zu kommen über die WM gestolpert ist, betreiben die neonazistischen Hooligans ihren alltäglichen Kampf gegen alles Undeutsche und freuen sich, wenn sie durch die Sensibilität der Presse im Vorfeld der WM noch häufiger als sonst ihre Hackfresse in einen Kamera halten können.

Schnelle Abhilfe dagegen liegt in utopischer Ferne. Einerseits wird es kein Polizeiaufgebot der Welt verhindern können, dass irgendwo auf einer Waldlichtung Hooligans aufeinander treffen, andererseits ist es auch nicht einmal mit den besten Überwachungsmöglichkeiten möglich nachzuweisen wer in einem Block nun genau angefangen hat mit den antisemitischen oder rassistischen Sprechchören.

Es ist eine Crux, wem wirklich am Herzen liegt, dass Neonazis, Stammtischrassisten und nationalistische Chauvinisten das Handwerk gelegt wird, der muss sich langfristig engagieren. Die kurzfristige Skandalisierung von neonazistischen Aktivitäten ist keinerlei Ersatz zur langfristige Projektarbeit.

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